Frage nach dem richtigen Alter zum Sterben spaltet die Leserschaft


Darum geht’s

  • Ein Meinungsartikel von Bruno Bötschi, in dem er erklärt, warum 75 für ihn ein gutes Alter zum Sterben wäre, hat eine breite Debatte über Lebensqualität, Selbstbestimmung und das Älterwerden ausgelöst.
  • Viele blue News Leserinnen und Leser widersprechen einer festen Altersgrenze und betonen, dass Gesundheit, persönliche Lebensqualität und die individuelle Bereitschaft wichtiger sind als das biologische Alter.
  • Andere stimmen der Grundidee zu, dass nicht ein möglichst langes, sondern ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben das entscheidende Ziel sein sollte.
Zusammenfassung erstellt mit

Warum möchte jemand nicht älter als 75 Jahre werden? Mit dieser persönlichen Frage hat blue-News-Redaktor Bruno Bötschi in seinem Meinungsbeitrag eine Diskussion in der blue-News-Community ausgelöst.

Die Kommentare der Leser*innen zeigen: Kaum ein Thema berührt so sehr wie die Frage, wann ein Leben erfüllt ist. Dabei geht es längst nicht nur um eine Zahl – sondern um Lebensqualität, Selbstbestimmung und die ganz persönliche Haltung zum Älterwerden.

Redaktor Bruno Bötschi formuliert es so: «Wenn ich eines Tages keinen Sport mehr machen kann, nicht mehr Badminton spielen, nicht mehr tanzen gehen, wenn eine Reise oder selbst ein Kinobesuch zur Anstrengung werden und jeder Tag vor allem aus Einschränkungen besteht, dann verliert das Leben für mich einen grossen Teil dessen, was es ausmacht.»

Und weiter: «Andere Menschen empfinden das wahrscheinlich anders. Und das ist völlig in Ordnung. Aber ich habe mit den Jahren realisiert: Mich treibt nicht die Angst vor dem Sterben an – sondern die Angst davor, nur noch zu existieren. Für mich ist die Antwort heute klar. Wenn ich mit 75 auf ein erfülltes Leben zurückblicken könnte – eines voller Freundschaften, Reisen, Bewegung, Kino, Badminton und Tanz –, dann wäre das für mich ein gutes Alter, um Abschied zu nehmen.»

Sätze, welche die blue News Leser*innen nicht mehr losgelassen, und die viele Kommentare ausgelöst haben.

«Mit 77 bin ich kerngesund»

User Nevergiveup hadert mit der Alterslimite: «Würde mich schön ‹ank*› jetzt im 75. Lebensjahr schon die Segel zu streichen, so gut es mir glücklicherweise geht. Sport, reisen, geniessen, gut und bewusst essen und trinken, all das beschert mir das Leben jeden Tag. Dafür bin ich unendlich dankbar. Es ist unsinnig, von einer Altersguillotine zu reden. Massgebend sind doch Gesundheit und Zustand. Der Selbstbestimmung kommt zusehends mit der Überalterung immer höhere Bedeutung zu. Das bedeutet auch freie und unbürokratische Inanspruchnahme der Sterbehilfe, wenn der individuell festgelegte Zeitpunkt gekommen ist.»

Leser Stumpelrilzchen reagiert mit Ironie: «Au Backe! Bin 77 Jahre alt, kerngesund, und eigentlich ganz glücklich über den Umstand, dass ich nicht bereits seit zwei Jahren tot bin …»

«Ich möchte reif sein zu sterben – egal wann»

Leser Mohieschie schreibt: «Ich denke, wir dürfen hier die Vorstellung von ‹lebenswert› gründlich überdenken. Was ist leben? Es ist riechen, schmecken, sporteln, essen, wandern, staunen, fühlen, sich freuen, sich fürchten, singen, träumen, lachen, sich sorgen, nachdenken, sich erinnern, trauern, leiden, tanzen, mutig sein, … Alles zu seiner Zeit. Ich kann mir vorstellen, dass ich erst mit 80 Gedanken haben kann, auf die ich gar nicht verzichten möchte, weil ich vorher nicht reif dazu war. Ich möchte reif sein zu sterben – egal wann.»

Für ihn zählt deshalb weniger die Zahl der Lebensjahre als die Frage, ob ein Mensch innerlich bereit ist, Abschied zu nehmen.

Es gibt aber auch zahlreiche Stimmen, die Bötschis Gedanken nachvollziehen können.

«Kollegen beginnen bereits Mitte 50 mit Altersheim-Gewohnheiten»

So schreibt Leser G.U., möglichst alt zu werden sei für ihn kein erstrebenswertes Ziel. Seine Gedanken dazu: «Der Artikel hat mich sofort angesprochen, weil ich mir schon seit geraumer Zeit Gedanken genau zu diesem Thema mache. Auch in meinem Umfeld hat ein Kollege mal gemeint: Ich möchte möglichst alt werden und die Medizin wird sicher neue Wege für uns finden. Ich für mich empfand das ‹möglichst alt werden› nicht als erstrebenswert».

Weiter schreibt er: «Sollte es mich plötzlich aus dem Leben reissen, dann dürfte ich für mich resümieren: Ich habe mein Leben wirklich genossen. Der Artikel bringt es auf den Punkt: Entscheidend sind nicht die Anzahl Jahre, sondern deren Qualität und was ich noch daraus machen kann … Es ist traurig, wenn bereits in meinem Alter (Mitte 50) Kollegen damit beginnen, Altersheim-Angewohnheiten zu pflegen, beispielsweise, man möchte nach 17 Uhr nichts mehr essen. Schlussendlich haben wir das Glück, in der Schweiz geboren zu sein, und ich bin dankbar, überhaupt über das ‹älter werden wollen› philosophieren zu können.»

«Viele möchten alt werden, wenige wollen alt sein»

Auch Funkelwiesler sieht es ähnlich: «Wir leben in einer Zeit, die es uns ermöglicht, über unser Lebensende quasi in aller Ruhe nachzudenken.
Das ist wie ein Zusatzgeschenk. Es braucht allerdings auch die nötige Lebenserfahrung, denn ohne diese tauchen die vorausschauenden Fragen nicht auf.» Und weiter: «Ich denke, dass dies die grösste Errungenschaft darstellt, die freie Wahl ‹ob überhaupt›, zu der ein Mensch in seinem Leben gelangen kann. Es ist keinesfalls von Anfang an vorgegeben.»

So unterschiedlich die Meinungen auch ausfallen – in einem Punkt nähern sich viele Kommentare an: Nicht das Alter allein soll darüber entscheiden, wann ein Leben endet.

Userin Betty 151 meint: «Solange ich körperlich und geistig gut im Schuss bin, keine grösseren Handicaps habe und ich immer noch aktiv in die Berge gehen kann, solange möchte ich noch auf dieser Erde bleiben. Sollte ich aber geistig oder körperlich zerfallen, würde ich mich gerne verabschieden. Vielleicht erwartet mich ja ein besseres Dasein nach dem irdischen Tod.»

Epos kommentierte den Artikel so: «Viele möchten alt werden, wenige wollen alt sein.»


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