Umgehung von Gesetzen
Der Umsatz mit E-Zigaretten hat in den letzten Jahren weltweit zugelegt.
ChatGPT @ blueNews
Darum geht’s
- Chinesische Hersteller umgehen Tabakgesetze, indem sie Vapes mit 6-Methylnikotin füllen, einer kaum erforschten Substanz, die möglicherweise stärker süchtig macht als Nikotin.
- In der Schweiz sind erste Produkte verfügbar, doch das Tabakproduktegesetz erfasst die Substanz nicht.
- Die Tabakprävention fordert ein Sofortverbot, ein Grünen-Nationalrat hat eine Interpellation eingereicht.
In chinesischen Fabriken rund um Shenzhen, dem globalen Zentrum der Vape-Produktion, entsteht derzeit eine neue Generation von E-Zigaretten. Sie enthalten kein Nikotin mehr, zumindest nicht im juristischen Sinne. Stattdessen setzen die Hersteller auf sogenannte Nikotinanaloga: synthetisch hergestellte Moleküle, die dem Nikotin chemisch ähneln, aber knapp anders genug gebaut sind, um nicht unter die Tabakgesetze zu fallen. Das populärste davon heisst 6-Methylnikotin, kurz 6-MN, und wird unter Markennamen wie «Metatine», «Nixotine» oder «NoNic» verkauft.
Was nach einem cleveren Kniff klingt, könnte ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen. Denn was 6-MN im menschlichen Körper genau anrichtet, weiss derzeit niemand verlässlich.
Stärker als Nikotin, aber kaum erforscht
Erste Laborstudien zeichnen ein beunruhigendes Bild. Eine toxikologische Untersuchung an menschlichen Bronchialzellen aus dem Jahr 2025 ergab, dass der Dampf von 6-MN-haltigen E-Zigaretten mehr reaktive Sauerstoffverbindungen erzeugt als herkömmlicher Nikotindampf und die Zellen stärker schädigt. In Tierversuchen zeigte sich zudem, dass 6-MN eine höhere Bindungsaffinität an die Nikotinrezeptoren im Gehirn aufweist als herkömmliches Nikotin. Fachleute halten es daher für möglich, dass die Substanz stärker süchtig macht.
Der Stanford-Professor Robert Jackler, der seit Jahren die Strategien der Tabakbranche erforscht, beschreibt die Situation gegenüber dem US-Magazin «Wired» als chemisches Katz-und-Maus-Spiel. Die Unternehmen täten alles, um Regulierungen zu unterlaufen. Besonders problematisch sei, dass das, was auf der Verpackung stehe, wenig mit dem tatsächlichen Inhalt zu tun habe. Eine 2024 im Fachmagazin «JAMA» veröffentlichte Analyse fand in mehreren 6-MN-Vapes zusätzlich nicht deklarierte Inhaltsstoffe, darunter künstliche Süssstoffe und Kühlmittel mit unbekannten Risiken beim Einatmen.
Ein Schlupfloch so gross wie ein Fabriktor
Die Geschichte hinter den Nikotinanaloga ist keine Erfindung chinesischer Startups. Bereits in den 1970er-Jahren erforschten westliche Tabakkonzerne nikotinähnliche Verbindungen. Millionen interner Dokumente, die 2005 in einer Sammelauswertung analysiert wurden, belegen, dass Philip Morris und Co. gezielt nach Ersatzstoffen suchten, die eine mögliche Regulierung umgehen könnten. Die grossen Konzerne brachten die Substanzen allerdings nie auf den Markt.
Das übernahmen Jahrzehnte später chinesische Vape-Hersteller. Rund 70 Prozent der weltweit verkauften E-Zigaretten stammen aus dem Grossraum Shenzhen. Als der US-Kongress 2022 die Tabakgesetze verschärfte und auch synthetisches Nikotin unter die Regulierung der FDA stellte, wichen die Hersteller einfach auf 6-MN aus. Die US-Behörde definiert «Nikotin» bis heute so eng, dass ein zusätzliches Methylmolekül am Pyridinring ausreicht, um die Substanz formal nicht als Nikotin zu qualifizieren.
Erst ein Budgetvorschlag der Trump-Regierung für das Fiskaljahr 2027 sieht vor, die Definition von Nikotin auf Analoga auszuweiten. Stanford-Forscher Jackler deutet allerdings auch diesen Schritt skeptisch. Die US-Tabakgiganten könnten dann selbst Nikotinanalog-Produkte entwickeln und hätten gleichzeitig die unliebsame chinesische Konkurrenz vom Hals.
In der Schweiz hinken Gesetze hinterher
Was in den USA ein Problem ist, betrifft auch Europa direkt. Seit Anfang 2024 sind Produkte mit 6-MN auf dem europäischen Markt erhältlich, vor allem unter der Marke «Aroma King», die ihre Vapes und Nikotinbeutel mit dem Label «NoNic» bewirbt. Belgische Labors wiesen bis zu 20 Milligramm 6-MN pro Beutel nach. Die Verpackungen behaupten, die Produkte seien nikotinfrei.
Auch die Schweiz ist betroffen. Die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz (AT Schweiz) schlug bereits im März 2025 Alarm und meldete, dass 6-MN-haltige Produkte über europäische Onlineshops problemlos in die Schweiz bestellt werden können. Die Marke Aroma King ist hierzulande mit einem eigenen Online-Shop präsent. Auf der Schweizer Aroma-King-Website hat die AT Schweiz bisher zwar keine 6-MN-Produkte gefunden, kann aber nicht ausschliessen, dass solche bereits im Umlauf sind, weil ihr für eine systematische Marktüberwachung die Kapazitäten fehlen.
Rechtlich bewegt sich die Schweiz in einer Grauzone. Das im Oktober 2024 in Kraft getretene Tabakproduktegesetz definiert Nikotin nicht näher und erfasst Nikotinanaloga wie 6-MN nicht klar als regulierte Substanz. Zwar fallen E-Zigaretten generell unter das Gesetz, doch die Mengenbeschränkungen von maximal 20 Milligramm pro Milliliter und 2 Milliliter Liquid pro Einweggerät beziehen sich nur auf nikotinhaltige Produkte. Da 6-MN-Produkte laut dem Bundesamt für Gesundheit als nikotinfrei eingestuft werden, greifen diese Limiten nicht. Ein Vape mit 6-MN statt Nikotin fällt also formal durch die Maschen.
Aroma-King-Produkte sind auch in der Schweiz erhältlich.
Aroma King
Der Druck auf die Politik wächst
Nationalrat Christophe Clivaz (Grüne/VS) hat im Frühjahr 2025 eine Interpellation eingereicht und fordert vom Bundesrat Klarheit. Fällt 6-MN unter das Tabakproduktegesetz? Falls nicht, kann der Bundesrat die Substanz nachträglich dem Gesetz unterstellen? Und sollte 6-MN nicht vorsorglich verboten werden? Die AT Schweiz fordert genau das und warnt vor einer Wiederholung des Debakels rund um illegale Einweg-Vapes, die trotz eindeutiger Gesetzeslage monatelang über Plattformen wie Galaxus verkauft wurden, ohne dass die Behörden eingriffen.
Luciano Ruggia, Geschäftsführer der AT Schweiz, bringt die Lage auf den Punkt: Die Industrie entwickle ständig neue Wege, um Regulierungen zu umgehen. Die Schweiz dürfe beim Jugendschutz nicht erneut versagen. Denn eines unterscheidet die neuen Nikotinanaloga von der bisherigen Debatte um Einweg-Vapes grundlegend – es geht nicht mehr nur um zu grosse Tanks oder fehlende Alterskontrollen, sondern um eine praktisch unerforschte Substanz, deren Wirkung auf Jugendliche völlig unklar ist.
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