Darum geht’s
- Israel droht mit verschärften Angriffen und Evakuierungen, wenn aus Gaza weiterhin Drachen, Ballons oder Drohnen in Richtung Israel gelangen.
- Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, Drachen müssten wie Drohnen behandelt werden – unabhängig davon, ob sie Sprengstoff tragen.
- 2018 lösten mit Brandsätzen versehene Drachen und Ballons zahlreiche Feuer in Israel aus.
- An den aktuell untersuchten Drachen wurden weder Sprengstoff noch Brandsätze gefunden.
- Aus Angst vor Angriffen fordern lokale Komitees in Gaza Eltern auf, ihre Kinder keine Drachen mehr steigen zu lassen.
Ein paar Holzstäbe, Plastik und eine Schnur: Für Kinder im weitgehend zerstörten Gazastreifen gehören Drachen zu den wenigen Freizeitbeschäftigungen, die ihnen noch geblieben sind.
Nun sollen sie darauf verzichten. Israel betrachtet Drachen, die über die Grenze gelangen, als mögliche Bedrohung und droht mit militärischen Konsequenzen.
Amin ist sechs Jahre alt und besitzt zwei Drachen. Seit einigen Tagen bleiben beide am Boden. Sein Vater habe ihm gesagt, dass die Israelis ihn bombardieren könnten, wenn er sie steigen lasse, erzählt der Bub der französischen Zeitung «Le Monde». Er habe Angst.
Ballone als militärische Bedrohung
In den vergangenen Tagen waren Drachen aus dem Gazastreifen über die Grenze nach Israel geweht. Israelische Soldat*innen fanden Drachen bei Ortschaften nahe der Grenze.
Die Armee untersuchte sie und teilte mit, dass keine verdächtigen Gegenstände daran gefunden worden seien. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe nicht bestanden.
Diese Drachen wurden am 22. 8. 2026 nahe der Grenze zum Gazastreifen auf israelischem Gebiet gefunden. Verdächtige Gegenstände oder Sprengstoff entdeckte die israelische Armee daran nicht.
Screenshot/X via The Jerusalem Post
Trotzdem erklärte Israels Verteidigungsminister Israel Katz, jeder weitere Start müsse wie eine militärische Bedrohung behandelt werden. «Ein Ballon wird wie ein Drache behandelt und ein Drache wie eine Drohne – mit oder ohne Sprengstoff», sagte Katz.
Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Katz kündigten zudem an, Israel werde seine Angriffe gegen Verantwortliche verstärken und Menschen aus Gebieten evakuieren, aus denen Drachen, Ballons oder Drohnen gestartet würden.
Erinnerung an Branddrachen von 2018
Die heftige Reaktion hat eine Vorgeschichte. Während des «Great March of Return» 2018 wurden aus Gaza Drachen und Ballons mit brennenden Materialien über die Grenze geschickt.
Die Proteste richteten sich unter anderem gegen die israelische Blockade des Gazastreifens. Die Protestierenden forderten ein Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge und deren Nachkommen.
Die improvisierten Fluggeräte lösten in Israel zahlreiche Brände aus. Bis Juli 2018 waren laut einem damaligen UNO-Bericht mehr als 1000 Feuer ausgebrochen. Über 3400 Hektaren Land verbrannten, darunter Felder, Wälder und andere landwirtschaftlich genutzte Flächen.
Drache als Symbol für Freiheit
Seither gelten Drachen aus israelischer Sicht nicht mehr zwangsläufig als harmloses Spielzeug, sondern als potenzielle Bedrohung. Uri Epstein, Vorsitzender des Regionalrats Sha’ar HaNegev an der Grenze zu Gaza, fordert deshalb, dass jeder Drachen, der israelisches Gebiet erreicht, bereits in der Luft identifiziert und abgefangen wird. Nach dem 7. Oktober könne man sich nicht mehr mit der Einschätzung zufriedengeben, es handle sich «nur um einen Drachen».
Aus palästinensischer Sicht wiederum ist der Drache weit mehr als ein Spielzeug. Über die Jahre der israelischen Blockade, die 2007 begann, wurde der Drachen zu einem Symbol der Freiheit für Palästinenser*innen, besonders für Kinder im Gazastreifen.
Israel vermutet Hamas hinter Drachenflügen
Die israelische Armee vermutet zudem, dass Hamas hinter den aktuellen Drachenflügen stehen könnte. Militärische Quellen behaupteten gegenüber israelischen Medien, Jugendliche würden von anderen Personen dazu gebracht, die Drachen steigen zu lassen.
Öffentlich hat die israelische Armee dafür bislang keine Belege vorgelegt. Die Hamas weist die Darstellung zurück und spricht von «Kinderspielzeug» aus den Flüchtlingslagern.
Der Unterschied zu 2018: An den bislang untersuchten Drachen wurden weder Brandsätze noch Sprengstoff gefunden.
Eltern nehmen Kindern Drachen weg
In Gaza hat die israelische Drohung deshalb eine paradoxe Konsequenz. Lokale sogenannte Volkskomitees, die unter anderem Lager und Unterkünfte für Vertriebene organisieren, forderten Eltern am Montag auf, ihre Kinder vorerst keine Drachen mehr steigen zu lassen. Die Erklärung sei mit den Hamas-Behörden abgestimmt worden, berichtet Reuters.
Man versuche alles, um das Drachensteigen zu stoppen, erklärten die Komitees. Dies geschehe, um das Leben der Kinder zu schützen. Viele Eltern haben entsprechend reagiert und die Drachen ihrer Kinder weggeräumt.
Im Gazastreifen bekommt das eine besondere Bedeutung. Nach Angaben des Uno-Nothilfebüros OCHA sind rund 82 Prozent aller Gebäude beschädigt oder zerstört. Fast die gesamte Bevölkerung von rund 2,1 Millionen Menschen lebt auf weniger als der Hälfte des Gebiets, ein grosser Teil ist vertrieben. Luftangriffe und andere militärische Aktivitäten dauern trotz der im Oktober 2025 vereinbarten Waffenruhe an.
Waffenruhe hat Gewalt nicht beendet
Kinder sind von der Zerstörung und den anhaltenden Angriffen besonders betroffen. Nach Angaben von Unicef waren bis Anfang Februar 2026 seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 mindestens 21’289 Kinder im Gazastreifen als getötet gemeldet worden.
Auch die Waffenruhe hat die Gewalt für sie nicht beendet: Allein in den ersten 300 Tagen seit deren Inkrafttreten im Oktober 2025 wurden laut Unicef mindestens 300 weitere Kinder getötet – durchschnittlich eines pro Tag.
Für Kinder fehlen zugleich viele Dinge, die andernorts selbstverständlich sind. Spielplätze und Sportanlagen sind zerstört oder nicht zugänglich, der reguläre Schulbetrieb ist seit bald drei Jahren massiv beeinträchtigt.
Hilfsorganisationen versuchen mit provisorischen Lernangeboten, Sommercamps und sogenannten kinderfreundlichen Aktivitäten, zumindest etwas Alltag herzustellen.
Ein Drache braucht dagegen fast nichts. Ein Händler in Gaza beschreibt die Drachen gegenüber «Le Monde» deshalb als eine Art Flucht aus dem Alltag. Nun verkauft er sie nicht mehr an Kinder, weil er sie nicht gefährden will.
Drachen haben besondere Geschichte
Ausgerechnet Drachen sind für Kinder in Gaza seit Jahren mehr als irgendein Spielzeug. Im Juli 2011 versammelten sich Tausende Kinder am Strand von Gaza und stellten einen Guinness-Weltrekord auf: 12’350 Drachen waren gleichzeitig mindestens 30 Sekunden lang in der Luft. Organisiert hatte die Aktion das Uno-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge Unrwa.
Damals sollten die Aktionen Kindern während der Sommerferien Freizeit und ein Stück Normalität bieten. 15 Jahre später sind die Möglichkeiten dazu noch kleiner geworden.
Wie real die Angst der Familien ist, zeigt auch das aktuelle Umfeld. Erst am Montag wurden bei israelischen Angriffen und durch Schüsse mindestens vier Menschen im Gazastreifen getötet, darunter zwei Kinder.
Eine zehnjährige Schülerin wurde laut Reuters im Zelt ihrer Familie erschossen, ein vierjähriger Bub starb bei einem Angriff im Flüchtlingslager Bureij. Ein Zusammenhang zwischen diesen Todesfällen und den Drachenflügen ist nicht belegt.
Scharfe Kritik an Israel
Das UNO-Menschenrechtsbüro reagierte entsprechend scharf auf die israelischen Drohungen. Sprecherin Ravina Shamdasani bezeichnete am Dienstag die Androhung von Vertreibungen wegen Kindern, die Drachen steigen lassen, als «empörend».
Sie kritisierte auch die Rhetorik hochrangiger israelischer Regierungsvertreter als unvereinbar mit menschenrechtlichen und humanitärrechtlichen Verpflichtungen.
Die Drachen vieler Kinder bleiben deshalb vorerst am Boden. Am Himmel über Gaza sind derweil weiterhin israelische Militärdrohnen und Kampfflugzeuge unterwegs.
Gaza-Mahnwache in Bern: 500-Meter-Banner erinnert an getötete Kinder
Gaza-Mahnwache in Bern: 500-Meter-Banner erinnert an getötete Kinder
#Adessonews seleziona nella rete articoli di particolare interesse.
Se vuoi leggere l’articolo completo clicca sul seguente link






