Kims Reich wächst
Expert*innen sehen im Handel mit China einen der Hauptgründe für Nordkoreas Wirtschaftswachstum – hier der chinesische Präsident Xi Jinping (links) und der nordkoreanische «Oberste Führer» Kim Jong-un bei einem Treffen im Juni.
EPA KCNA
Darum geht’s
- Nordkoreas Wirtschaft wächst laut Expert*innen überraschend stark – besonders in der Hauptstadt Pjöngjang sind moderne Hochhäuser, mehr Autos und digitale Bezahlsysteme zu sehen.
- Der wirtschaftliche Aufschwung dürfte vor allem auf den Handel mit China und Russland zurückzuführen sein.
- Trotz des Wirtschaftsbooms leben viele Menschen in Nordkorea weiterhin in Armut. Expert*innen bezweifeln, dass die Bevölkerung vom Wachstum in gleichem Mass profitiert wie das Regime von Kim Jong-un.
Nordkoreas Wirtschaft einzuschätzen, ist schwer. Denn das Land veröffentlicht keine transparenten, offiziellen Wirtschaftsstatistiken. 2020 wertete die Wirtschaftsuniversität Wien Satellitendaten aus und schätzte, dass 60 Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung in «absoluter Armut» leben, also etwa 15 Millionen Menschen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen wird in der Studie auf etwa 790 Dollar pro Jahr geschätzt – das wäre eines der niedrigsten der Welt.
Umso erstaunlicher ist jetzt die Schlagzeile in der renommierten Wirtschaftszeitung «The Wall Street Journal»: «Die überraschendste wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Welt ist … Nordkorea».
Die Zeitung stützt sich auf Beobachtungen ausländischer Besucher*innen. Sie erzählen von Fahrdienst-Apps, Zahlungen per QR-Code im Restaurant und neuen Hochhauskomplexen in der Hauptstadt Pjöngjang.
Plötzlich Stau und Parkplatz-Probleme
Auch Gmx.ch hat mit Expert*innen gesprochen. «Das Land entwickelt sich deutlich schneller, als wir das noch vor ein paar Jahren erwartet hätten», sagt die Nordkorea-Expertin Rachel Minyoung Lee von der US-Denkfabrik Stimson Center dem Online-Medium. Laut der südkoreanischen Nationalbank stieg das reale Bruttoinlandprodukt Nordkoreas im Jahr 2024 um 3,7 Prozent. Zum Vergleich: Das der Schweiz stieg im gleichen Jahr um 1,4 Prozent – wenn auch sich die Schweizer Wirtschaft natürlich auf einem ganz anderen Niveau befindet.
Diesen Aufschwung sehe man vor allem in Nordkoreas Hauptstadt. «Es werden komplett neue Strassen und Gebäudekomplexe hochgezogen», erzählt Zoe Stephens gegenüber Gmx. Stephens ist für den auf Nordkorea spezialisierten Reiseanbieter Koryo Tours tätig und hat das Land im vergangenen Jahr erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie besucht.
«Ich habe Strassen gesehen, die unglaublich modern aussehen», sagt Stephens. Pjöngjang fühle sich mittlerweile an wie eine «normale Hauptstadt». In vielen Geschäften könne man jetzt sogar mit Smartphones bezahlen, bestätigt sie den Bericht des «Wall Street Journal».
Und auf den neuen Strassen sind weit mehr Autos unterwegs als auch schon, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt. Sie hat Satellitenbilder ausgewertet und festgestellt: Während die Strassen vor einigen Jahren noch weitgehend leer waren, kommt es nun sogar zu Staus und Problemen bei der Parkplatzsuche.
Skiressort für «freundliche ausländische Gäste»
Auch ausserhalb der Hauptstadt werde Geld investiert. So wird Medienberichten zufolge im Norden des Landes ein neues Skigebiet gebaut, wie Satellitenbilder zeigen sollen. Das Fachportal NK News vermutet, dass es sich dabei eher um inländische Propaganda handelt als um ein Projekt, um Tourist*innen anzulocken. Trotzdem soll Nordkoreas oberster Führer Kim Jong-un zum Skiressort gesagt haben, dass es «sicherlich zu einer Touristenzone werden wird, in der freundliche ausländische Gäste einen einzigartigen Reiz erleben können».
Dabei sah die Lage vor wenigen Jahren noch ganz anders aus. Die Corona-Pandemie soll die humanitäre Situation in Nordkorea nochmals verschlimmert haben. «Pandemie und Ernteausfälle haben die Versorgung mit Lebensmitteln in Nordkorea in den vergangenen zwei Jahren stark verschlechtert», schrieb etwa die Welthungerhilfe 2023.
Die südkoreanische Entwicklungsagentur ging damals davon aus, dass eine massive Hungersnot ausgebrochen sei und Menschen in Nordkorea verhungerten. Satellitenfotos zeigten damals, dass im Jahr 2022 rund 180’000 Tonnen Getreide weniger erzeugt wurden als im Jahr davor. Dürre, Überschwemmungen und Abschottung sollen die ohnehin chronische Nahrungsmittelknappheit weiter verschärft haben.
Bis 14 Milliarden Dollar mit Kriegsgeschäften
Was also führt jetzt, wenige Jahre später, zum wirtschaftlichen Aufschwung? Nordkorea-Expertin Rachel Minyoung Lee vermutet im Interview mit Gmx, dass es vor allem am Handel mit China liegt. Das Land sei für etwa 90 Prozent des nordkoreanischen Aussenhandels verantwortlich.
«Nordkorea importiert einen grossen Teil seiner Konsumprodukte aus der Volksrepublik, etwa Autos und elektronische Bauteile. In die umgekehrte Richtung gehen zum Beispiel Eisen und Stahl, gefrorener Fisch und vor allem Perücken – einer der Exportschlager der Kim-Diktatur.»
Der zweite wichtige Partner ist Russland. Nordkorea unterstützt das Land im Krieg gegen die Ukraine mit Waffen, Soldaten und Munition. Das südkoreanische Institut für nationale Sicherheitsstrategie vermutet in einem Report, dass Nordkorea damit zwischen 7,7 Milliarden and 14,4 Milliarden US-Dollar eingenommen hat.
«China ist zweifellos ein wertvollerer Wirtschaftspartner als Russland», sagt Expertin Lee. «Alles deutet aber darauf hin, dass Russland in den letzten drei Jahren einen wichtigen Beitrag zur nordkoreanischen Wirtschaft geleistet hat.»
Mehr Waffen- als Wirtschaftsentwicklung
Eine weitere Einnahmequelle seien Zehntausende Arbeiter, die das nordkoreanische Regime ins Ausland schickt, und die einen Grossteil ihres Gehalts in die Heimat senden müssen.
Dass der wirtschaftliche Aufschwung der breiten Bevölkerung nützt, bezweifelt die Expertin aber. Kim Jong-un versuche zwar, auch das restliche Nordkorea ausserhalb Pjöngjangs durch ein spezielles Aufbauprogramm wirtschaftlich voranzubringen, sagt sie. «Es bleibt aber abzuwarten, inwieweit die im Rahmen dieser Initiative errichteten Fabriken tatsächlich der Bevölkerung zugutekommen werden.»
Denn einen Grossteil des Geldes stecke der «Oberste Führer» wohl auch in seine Waffen- und Nuklearprogramme. «Trotz des Wirtschaftsbooms hinkt die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas den Fortschritten hinterher, die das Land bei der Waffenentwicklung erzielt hat», so die Expertin.
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