Verliert die Swiss ihre Schweizer Seele?


Lufthansa gibt Takt an

Die Swiss ist wirtschaftlich eng mit der Lufthansa verflochten.

sda

Fast zwanzig Jahre nach der Übernahme ist die Swiss enger in die Lufthansa Group eingebunden denn je. Manche Veränderungen sind für Passagier*innen sichtbar, andere laufen im Hintergrund ab. Gleichzeitig profitiert die Airline in wichtigen Bereichen vom Konzern.

Dominik Müller

Darum geht’s

  • Einzelne Swiss-Crews verweigern eine Ansage im Namen der Lufthansa. Das löst eine Debatte über die Eigenständigkeit der Schweizer Airline aus.
  • Die Airline ist heute tatsächlich stärker denn je in die Lufthansa Group integriert – von der Führung bis zum Markenauftritt.
  • Gleichzeitig profitiert die Swiss bei Flotte, Streckennetz und Einkauf von der Konzernzugehörigkeit.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Es ist nur ein Satz. Oder genauer: ein fehlender Satz. Und doch hat er eine Diskussion ausgelöst, die weit über die Kabine eines Flugzeugs hinausgeht.

Eigentlich sollen die Swiss-Crews seit diesem Jahr in ihrer Ansage erwähnen, dass die Airline Mitglied der Lufthansa Group ist. Doch mehrere Kabinenbesatzungen verzichten offenbar absichtlich darauf, wie drei unabhängige Quellen gegenüber der «NZZ am Sonntag» bestätigten.

Demnach identifizieren sich viele Mitarbeitende nur bedingt mit der deutschen Muttergesellschaft. Fast zwanzig Jahre nach der Übernahme durch die Lufthansa stellt sich die Frage: Wie viel Schweiz steckt heute eigentlich noch in der Swiss?

Wie alles begann

Als die Lufthansa die Swiss 2005 übernahm, war dies für viele die Rettung der jungen Fluggesellschaft. Die Swiss war erst wenige Jahre zuvor aus den Trümmern der Swissair entstanden und schrieb hohe Verluste. Der damalige Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber versprach deshalb etwas, das bis heute nachhallt: «Die Swiss bleibt Swiss – auch mit Lufthansa.»

Und tatsächlich schien Frankfurt dieses Versprechen zunächst einzulösen. Die Swiss blieb eigenständig, entschied weitgehend selbst über Produkt, Service und Markenauftritt. Die Lufthansa war Eigentümerin – aber im Erscheinungsbild der Swiss kaum sichtbar.

Mit den Jahren begann sich das Bild jedoch schrittweise zu verändern. Vor einem Jahr berichtete das «Handelsblatt» über ein internes Strategieprojekt namens «Matrix Next Level». Demnach sollen zentrale Funktionen wie das Streckennetz, Vertrieb oder Loyalitätsprogramme künftig direkt aus der Lufthansa-Zentrale gesteuert werden. Die Premium-Airlines – darunter auch die Swiss – müssen diese Kompetenzen abgeben und dürften sich künftig nur noch auf das Erlebnis an Bord konzentrieren.

Immer mehr Macht in Frankfurt

«Jeder von uns in Europa ist für sich genommen zu klein. Nur gemeinsam sind wir in der Lage, die Nummer eins in Europa zu sein», sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr jüngst im Interview mit «Blick». Er sehe in der Zentralisierung weniger einen Verlust von Eigenständigkeit als eine Notwendigkeit in einer Branche, in der Grösse immer wichtiger wird.

Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Group: Carsten Spohr.

Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Group: Carsten Spohr.

Keystone

Gleichzeitig betont Spohr: «Die Swiss entscheidet weiterhin eigenständig.» Allerdings: «Am Ende tut sie dies aber als Teil der Lufthansa-Gruppe.»

Ausdruck dieser stärkeren Integration ist auch die Konzernführung. Mit Dieter Vranckx präsidiert heute ein aktiver Lufthansa-Vorstand den Verwaltungsrat der Swiss. Sein Vorgänger Reto Francioni war noch eine unabhängige Persönlichkeit ausserhalb des operativen Konzerns.

Auch nach aussen sichtbar

Die engere Verbindung ist längst auch für die Kundschaft sichtbar: Auf neuen Swiss-Flugzeugen prangt inzwischen der Schriftzug «Member of Lufthansa Group». Auch die Lounges tragen diese Bezeichnung. Aus Sicht der Lufthansa ist dies Teil einer Dachmarkenstrategie: Die verschiedenen Airlines des Konzerns sollen stärker als zusammengehörige Familie wahrgenommen werden – dazu gehören etwa Edelweiss, Austrian Airlines, Brussels Airlines oder ITA Airways.

Praktisch jede grosse Airline-Gruppe arbeitet heute nach diesem Prinzip. Air France-KLM bündelt zahlreiche Konzernfunktionen ebenso wie die International Airlines Group mit British Airways, Iberia oder Aer Lingus.

In einer Branche mit niedrigen Margen entscheidet häufig die Grösse über den wirtschaftlichen Erfolg. Wer Flugzeuge gemeinsam in grösseren Mengen bestellt, erzielt bessere Konditionen. Wer Kerosin gemeinsam absichert, reduziert Risiken. Wer Software nur einmal entwickelt, spart Kosten. Gerade in der Luftfahrt sind solche Skaleneffekte ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Wenn Swissness auf Konzernlogik trifft

Den ökonomischen Entscheidungen steht aber gerade hierzulande die Bedeutung der Marke gegenüber: Während die Lufthansa in Deutschland vor allem als Verkehrsmittel wahrgenommen wird, verbinden viele Schweizer*innen mit der Swiss weit mehr. Das rote Heck mit dem weissen Kreuz transportiert ein Bild der Schweiz in die Welt – mit Schweizer Produkten an Bord, mehrsprachigen Crews und regionalen Menüs.

Veränderungen werden hier besonders sensibel registriert. Als die Swiss im April den neuen «Economy Basic»-Tarif einführte und das grosse Handgepäck – also den Trolley – nicht mehr automatisch einschloss, erinnerte dies viele Beobachter*innen an die Lufthansa, die diesen Schritt zuvor bereits umgesetzt hatte. Der Aufschrei war gross.

Der «Economy Basic»-Tarif beinhaltet nur noch Gepäck, das unter den Sitz passt.

Der «Economy Basic»-Tarif beinhaltet nur noch Gepäck, das unter den Sitz passt.

Sven Hoppe/dpa

Hinzu kommen operative Veränderungen, die nicht in der Öffentlichkeit stattfinden. Einzelne Wartungsarbeiten werden heute auch ausserhalb der Schweiz durchgeführt. Solche Massnahmen folgen einer betriebswirtschaftlichen Logik: Innerhalb eines Konzerns lassen sich Personal und Ressourcen leichter verschieben als bei einer unabhängigen Airline.

Gewinne – und trotzdem sparen

Auch wirtschaftlich wächst der Einfluss der Konzernzentrale. Trotz hoher Gewinne blieb die Swiss von den jüngsten Sparprogrammen innerhalb der Gruppe nicht verschont.

Lufthansa-Chef Spohr begründet diese Massnahmen gegenüber «Blick» mit Effizienzsteigerungen und neuen Möglichkeiten durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. «Bei der Lufthansa Group reduzieren wir in der Administration 20 Prozent – bei der Swiss sind es nur 10 Prozent, weil die Swiss bereits recht schlank aufgestellt ist.»

Die Swiss liefert seit Jahren hohe Gewinne ab. 2025 erzielte sie ein operatives Ergebnis von 502 Millionen Franken und war die mit Abstand profitabelste Airline innerhalb der gesamten Lufthansa-Gruppe. Und trotzdem muss sie sparen. Die Antwort liegt in der Logik eines Grosskonzerns: Entscheidend ist nicht nur das Ergebnis einer einzelnen Tochtergesellschaft, sondern die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Gruppe.

Warum die Swiss von Lufthansa profitiert

Doch wer die Entwicklung nur als schleichende «Verdeutschung» beschreibt, greift zu kurz. Tatsächlich profitiert die Swiss auch erheblich von ihrer Zugehörigkeit zur Lufthansa.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Flotte. Neue Langstreckenflugzeuge sind weltweit schwer verfügbar. Airbus und Boeing arbeiten mit langen Wartelisten. Als Teil einer der grössten Airline-Konzerne Europas erhält die Swiss Zugang zu Flugzeugen, die sie als unabhängige Airline wohl deutlich später erhalten würde. Die Einführung des Airbus A350 im letzten Herbst ist dafür ein Beispiel.

Der neue Airbus A350 der Swiss wurde am 9. Oktober 2025 nach seinem Flug aus Toulouse am Flughafen Zürich mit einem Wasserbogen durch die Flughafenfeuerwehr begrüsst.

Der neue Airbus A350 der Swiss wurde am 9. Oktober 2025 nach seinem Flug aus Toulouse am Flughafen Zürich mit einem Wasserbogen durch die Flughafenfeuerwehr begrüsst.

Keystone

Auch das Streckennetz wäre ohne den Konzern kaum denkbar. Zürich ist ein vergleichsweise kleiner Heimmarkt. Viele Langstreckenverbindungen lassen sich nur deshalb wirtschaftlich betreiben, weil Passagier*innen aus dem gesamten Lufthansa-Netz über Zürich umsteigen. Rund 30 Prozent der Reisenden am Hub Zürich sind Transferpassagier*innen. Ohne diese zusätzlichen Gäste wären zahlreiche Direktverbindungen nach Nordamerika, Asien oder Afrika kaum rentabel.

Wirtschaftlich spricht also einiges für eine eng integrierte Airline-Gruppe. Emotional wünschen sich aber wohl viele Schweizer*innen eine Fluggesellschaft, die sich weiterhin klar von ihrer deutschen Eigentümerin unterscheidet. Beides muss sich nicht zwingend ausschliessen. Die entscheidende Frage bleibt, welche Bereiche zentralisiert werden können, ohne dass die Marke Swiss ihre Besonderheit verliert.


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