Zwei Wochen mehr für Bankangestellte
Das Baby ist da – die Schweizer Eltern aber schon bald wieder bei der Arbeit. (Archivbild)
KEYSTONE
Darum geht’s
- Bankangestellte profitieren ab 2027 von 18 Wochen bezahltem Mutterschaftsurlaub. Die Bankenbranche verbessert damit ihre Bedingungen für frischgebackene Mütter.
- Trotz der Verlängerung bleibt die Schweiz bei der Elternzeit im europäischen Vergleich Schlusslicht. Viele Länder bieten deutlich längere und gleichberechtigtere Modelle für Mütter und Väter.
- Von Schweden bis Spanien zeigen europäische Beispiele, wie unterschiedlich Mutterschaftsurlaub und Elternzeit geregelt sind.
Frischgebackene Mütter, die bei einer Bank angestellt sind, können ab 2027 zwei Wochen länger bei ihrem Baby bleiben, wie das Newsportal «Nau» berichtet. Ab dem 1. Januar gewährt die Branche einen Mutterschaftsurlaub von 18 Wochen bei voller Bezahlung. Gesetzlich vorgegeben sind in der Schweiz 14 Wochen bei 80 Prozent des Lohns. Die Bankenbranche hatte für Schweizer Verhältnisse also schon vorher bessere Konditionen.
Doch die Erhöhung für Bankangestellte reicht nicht, findet die Eidgenössische Kommission Dini Mueter (EKdM). Sie setzt sich für eine faire Elternzeit in der Schweiz ein. «Die meisten Frauen – über 80 Prozent – verlängern den Mutterschaftsurlaub auf eigene Kosten. Nur 18 Prozent der Mütter kehren nach 14 Wochen schon an den Arbeitsplatz zurück», schreibt die Kommission auf ihrer Website.
«Nein, 14 bis 18 Wochen Mutterschutz sind nicht genug», sagt EKdM-Vertreterin Miranda Donati zu «Nau».
Tatsächlich steht die Schweiz im Vergleich mit den anderen europäischen Ländern schlecht da. Zwar sind die Systeme in allen Ländern unterschiedlich und manchmal gibt es verschiedene Modelle innerhalb eines Landes. Doch grundsätzlich lässt sich sagen: Kein anderes Land in Europa hat einen so kurzen Urlaub für Eltern.
Laut einem UNICEF-Bericht von 2019 ist die Schweiz aufgrund der kurzen Elternzeit sogar das familienunfreundlichste Land Europas. 2021 wurde zwar die Vaterzeit auf zwei Wochen erhöht. Doch verbessert hat sich die Schweiz im internationalen Vergleich kaum.
Von Andorra (20 Wochen für Mütter und ab 2030 auch 20 Wochen für Väter) über Polen (32 Wochen voll bezahlte Elternzeit, die unter den Elternteilen aufgeteilt werden kann) bis Tschechien (28 Wochen für Mütter, 2 Wochen für Väter) haben alle kulantere Regelungen. Hier einige Beispiele:
Die Vorbildlichen
Keine Überraschung: Die nordischen Länder haben die Nase vorn – sowohl was die Länge der Familienzeit angeht, als auch die Gleichberechtigung. Norwegen, Schweden, Finnland und Island kennen keinen getrennten Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub, sondern Elternzeit.
In Schweden gibt es insgesamt rund 68 Wochen, beide Elternteile müssen mindestens 90 Tage beziehen. Sie erhalten während dieser Zeit 80 Prozent ihres Lohns.
Die Eltern in Norwegen können wählen, ob sie insgesamt 49 Wochen Elternzeit wollen mit dem vollen Lohn, oder 59 Wochen mit 80 Prozent des Lohns. Bei 49 Wochen müssen beide Elternteile 15 Wochen beziehen, bei 59 Wochen sind es 19 Wochen pro Elternteil. Der Rest ist frei teilbar.
In Island erhalten beide Elternteile jeweils sechs Monate bezahlte Elternzeit, maximal sechs Wochen können an die andere Person übertragen werden.
In Finnland erhält jedes Elternteil 160 Tage Elternzeit, davon dürfen 63 Tage an die andere Person übertragen werden.
Die Überraschungen
Nebst den nordischen haben auch andere europäische Länder überdurchschnittlich lange oder gleichberechtigte Elternzeit.
Spanien hat 2025 die Elternzeit reformiert und ein einheitliches, geschlechtsneutrales System eingeführt, das offiziell als «Elternzeit wegen Geburt und Kinderbetreuung» bezeichnet wird. Beide Elternteile haben jeweils Anspruch auf 19 Wochen bezahlten Urlaubs. Die Zeit ist nicht auf den anderen Elternteil übertragbar. Alleinerziehende haben Anspruch auf 32 Wochen.
In Albanien hat die Mutter Anspruch auf ein Jahr Mutterschaftsurlaub. Während der Hälfte davon erhält sie 80 Prozent ihres Lohns. Im zweiten Halbjahr sind es nur noch 50 Prozent.
63 Tage oder rund 9 Wochen muss sie beziehen. Danach kann der Partner übernehmen. Der hat zwar offiziell nur drei Tage bezahlten Vaterschaftsurlaub, kann aber nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen 63 Tage seine Frau ablösen. Während 150 Tagen erhält er 80 Prozent Lohn, danach 50 Prozent. Insgesamt darf der Vater maximal 38 Wochen Vaterschaftsurlaub nehmen.
In Bulgarien gibt es einen sehr langen und gut bezahlten Mutterschafts- sowie einen kurzen Vaterschaftsurlaub. Beide Elternteile erhalten dabei 90 Prozent ihres Lohns. Der Mutterschaftsurlaub dauert 58,5 Wochen, oder rund 14 Monate. 45 Tage davon müssen zwingend vor der Geburt bezogen werden. Nach sechs Monaten kann die Mutter einen Teil ihres Urlaubs auf den Vater übertragen. Dieser erhält sowieso 15 Tage Vaterschaftsurlaub.
Die Minimalisten
Alle EU-Mitgliedsländer müssen mindestens 14 Wochen bezahlten Mutterschutz garantieren. Während dieser Zeit muss das Gehalt mindestens auf dem Niveau der Krankenversicherung weiterbezahlt werden. Väter haben Anspruch auf mindestens 10 Tage bezahlten Urlaub nach der Geburt des Kindes. Die meisten europäischen Länder sind aber vor allem beim Mutterschaftsurlaub grosszügiger. Wenn auch teilweise nur leicht.
Frankreich kennt beispielsweise 16 Wochen Mutterschaftsurlaub und 28 Tage Vaterschaftsurlaub. In Belgien erhalten Frauen 15 Wochen, Männer 20 Tage.
Deutschland bietet für Mütter 14 Wochen bezahlte Mutterzeit, Väter erhalten zehn Tage – also genau das, was von der EU festgelegt ist. Jedoch können Eltern zusätzlich zum Mutter- und Vaterschaftsurlaub bis zu 36 Monate Elternzeit beziehen. Dabei handelt es sich vor allem um einen Kündigungsschutz, die Zeit ist unbezahlt. Eltern können aber beim Staat Elterngeld von maximal 1800 Euro pro Monat beantragen.
In den Mitgliedsländern des Wirtschaftsbunds OECD, zu dem nicht nur Länder aus Europa, aber unter anderem auch die Schweiz gehören, betrug der Mutterschaftsurlaub im Jahr 2022 im Durchschnitt 18,5 Wochen, der Vaterschaftsurlaub 2,3 Wochen.
Die USA sind das einzige OECD-Land, in dem es kein Anrecht auf bezahlten Mutterschaftsurlaub gibt. Viele OECD-Länder bieten zusätzlich die Möglichkeit zur Elternzeit, die zu einem tieferen Ansatz vergütet wird – wie zum Beispiel in Deutschland. Im Durchschnitt aller OECD-Länder sind das 39 Wochen.
Das Schlusslicht
So wenig bezahlten Mutter- und Vaterschaftsurlaub wie die Schweiz hat kein Land in Europa. Daran ändern auch die zwei Wochen mehr für Bankangestellte nicht viel.
Das wollen unter anderem die Initiant*innen der Familienzeit-Initiative ändern. Sie fordern 18 Wochen für Mütter und 18 Wochen für Väter. Bis zum 1. Oktober werden dafür noch Unterschriften gesammelt. Kommen 100’000 Unterschriften zusammen und stimmen Volk und Stände der Initiative zu, müsste sie fünf Jahre später umgesetzt werden. Die Schweiz dürfte also noch mindestens einige Jahre lang Schlusslicht bleiben.
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