Darum geht’s

  • König Harald V. ist tot – Norwegen verliert eine seiner prägendsten Figuren.
  • Einst floh er als kleiner Prinz vor dem Krieg, später kämpfte er neun Jahre um seine grosse Liebe Sonja.
  • Als Olympionike und Monarch blieb er seinem Land stets nah. Die Geschichte eines Königs, der Norwegen leise und herzlich prägte.
  • Mit Haralds Tod gibt es keine Thronvakanz: Kronprinz Haakon wird automatisch König Haakon VIII. und übernimmt unmittelbar die verfassungsmässigen Aufgaben des Staatsoberhaupts.
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König Harald V. ist tot.

Norwegen verliert einen Monarchen, vor allem aber eine Figur, die das Land über Jahrzehnte begleitet hat. Harald war Kriegskind und Olympionike, ein Kronprinz, der um seine grosse Liebe kämpfen musste, und schliesslich ein König, der einem modernen Norwegen ein Gesicht gab.

Es gibt Menschen, die so lange da sind, dass man sich kaum noch an eine Zeit ohne sie erinnern kann.

Für Norwegen war Harald so ein Mensch.

Seit 1991 war er König des skandinavischen Landes. Er stand auf Balkonen, eröffnete das Parlament, empfing Staatsgäste und reiste durch ein Land, das sich während seiner Regentschaft tiefgreifend veränderte. Er feierte mit den Norweger*innen. Und er trauerte mit ihnen.

Politische Macht hatte er kaum. Das moderne Norwegen brauchte Harald nicht, um regiert zu werden. Und doch brauchte es ihn manchmal.

Mit ihm verliert Norwegen nicht nur sein Staatsoberhaupt. Es verliert einen stillen Begleiter seiner jüngeren Geschichte.

Der kleine Prinz muss vor Hitler fliehen

Haralds Leben beginnt in einer Welt, die bald untergehen sollte: Er wird am 21. Februar 1937 auf Skaugum bei Oslo geboren. Als einziger Sohn von Kronprinz Olav und Kronprinzessin Märtha ist früh klar, dass dieser Junge eines Tages König werden soll.

Doch zunächst wird er ein Flüchtlingskind.

Als die deutsche Wehrmacht im April 1940 Norwegen überfällt, ist Harald drei Jahre alt. Die Königsfamilie flieht. Mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern gelangt der kleine Prinz über Schweden in die USA.

Sein Grossvater, König Haakon VII., und sein Vater werden derweil in London zu Symbolfiguren des norwegischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung.

Harald erlebt einen Teil seiner Kindheit fern der Heimat. Erst nach Kriegsende kehrt er 1945 zurück.

Als der Achtjährige wieder norwegischen Boden betritt, liegen fünf Jahre Besatzung hinter dem Land.

Für Sonja riskiert er seine Zukunft

Doch bevor Harald König wird, bringt er die Monarchie mit einer sehr persönlichen Entscheidung in Bedrängnis.

Der junge Royal verliebt sich in Sonja Haraldsen, die er bei einem privaten Abendessen kennenlernt.

Das Problem: Haraldsen ist keine Prinzessin. Sie ist Bürgerliche – und damit nach den Vorstellungen jener Zeit keine passende Frau für den zukünftigen König.

König Harald und Königin Sonja waren seit dem 29. August 1968 verheiratet. 58 Jahre lang gingen sie gemeinsam durchs Leben – nachdem sie zuvor neun Jahre um ihre Liebe kämpfen mussten.

König Harald und Königin Sonja waren seit dem 29. August 1968 verheiratet. 58 Jahre lang gingen sie gemeinsam durchs Leben – nachdem sie zuvor neun Jahre um ihre Liebe kämpfen mussten.

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Was heute selbstverständlich erscheint, wird zur jahrelangen Zerreissprobe.

Harald und Sonja warten neun Jahre. Der Kronprinz soll schliesslich klargemacht haben, dass er keine andere Frau heiraten werde. Für die Monarchie ist das heikel: Harald ist der einzige männliche Thronfolger seiner Generation.

Am Ende gibt König Olav V. nach. Am 29. August 1968 heiraten Harald und Sonja im Osloer Dom. Sonja bleibt bis zuletzt die Frau an Haralds Seite.

Haralds Wahlspruch: «Alles für Norwegen»

Harald ist Kronprinz und später Staatsoberhaupt. Doch es gibt einen Ort, an dem Titel plötzlich weniger wichtig erscheinen: das Meer.

Harald ist ein leidenschaftlicher Segler – und ein aussergewöhnlich guter.

Er vertritt Norwegen bei drei Olympischen Spielen. 1964 trägt er bei der Eröffnungsfeier in Tokio die norwegische Fahne. Später wird er mit seiner Mannschaft sogar Weltmeister.

Noch im hohen Alter nimmt der Monarch an Regatten teil.

Es ist eine Seite Haralds, die gut zu dem Land passt, dessen König er werden sollte: naturverbunden, sportbegeistert, wenig pompös.

Am 17. Januar 1991 stirbt sein Vater Olav V., Harald wird König. Sein Wahlspruch: «Alt for Norge.» Alles für Norwegen.

Norwegen erlebt seinen dunkelsten Tag

Was diese Aufgabe bedeuten kann, zeigt sich wohl am deutlichsten zwanzig Jahre später.

Am 22. Juli 2011 explodiert im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe. Wenig später erschiesst der Rechtsextremist Anders Behring Breivik auf der Insel Utøya vor allem junge Menschen.

77 Menschen werden ermordet. Ein kleines Land steht unter Schock.

In solchen Stunden zeigt sich das eigentümliche Wesen einer modernen Monarchie. Harald kann keine Ermittlungen führen. Er kann keine Gesetze ändern. Er kann nicht politisch auf den Anschlag antworten.

Aber er kann versuchen, die Trauer eines Landes in Worte zu fassen.

König Harald von Norwegen mit seinem Vater König Olav V. bei dessen Krönung am 22. Juni 1958 in Trondheim.

König Harald von Norwegen mit seinem Vater König Olav V. bei dessen Krönung am 22. Juni 1958 in Trondheim.

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Harald spricht zu den Angehörigen, zu den Überlebenden, zu seinem Land. Er weint öffentlich. Der König erscheint in diesen Tagen nicht als Herrscher über die Menschen, sondern als einer von ihnen.

Vielleicht war das einer der Momente, in denen sich seine Bedeutung für Norwegen am deutlichsten zeigte.

Harald regierte das Land nicht. Er war da.

Was für Harald Norwegen bedeutete

Fünf Jahre später hält der König eine Rede, die zu einer der bekanntesten seiner Regentschaft wird. Harald spricht darüber, wer die Norweger*innen sind.

Sie seien Menschen aus dem Norden, der Mitte und dem Süden. Menschen, die aus Afghanistan, Pakistan, Polen, Schweden oder Somalia gekommen seien. Menschen, die an Gott glaubten, an Allah, an das Universum – und Menschen, die an nichts glaubten.

Und dann spricht ein fast 80 Jahre alter König über etwas, worüber Monarchen seiner Generation lange kaum öffentlich gesprochen hatten.

Kronprinzessin Mette-Marit, Prinzessin Ingrid Alexandra, Königin Sonja, Kronprinz Haakon und König Harald, bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2025 (von rechts nach links)

Kronprinzessin Mette-Marit, Prinzessin Ingrid Alexandra, Königin Sonja, Kronprinz Haakon und König Harald, bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2025 (von rechts nach links)

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Über Männer, die Männer lieben. Frauen, die Frauen lieben. Und Männer und Frauen, die einander lieben.

Die Botschaft ist einfach: Ihr alle seid Norwegen.

Es ist vielleicht der Satz, der Haralds Königtum am besten beschreibt. Harald versuchte nicht, diese Veränderungen aufzuhalten. Er ging mit.

Der alte König will bleiben

In seinen letzten Lebensjahren wird das Alter immer sichtbarer. Harald muss wiederholt ins Spital.

Infektionen und andere gesundheitliche Probleme zwingen ihn zu Pausen. 2024 erkrankt er während einer Reise nach Malaysia schwer und erhält später einen permanenten Herzschrittmacher.

Immer häufiger übernimmt Kronprinz Haakon Aufgaben seines Vaters. Die Frage liegt nahe: Soll König Harald abdanken?

Als die dänische Königin Margrethe II. 2024 überraschend den Thron an ihren Sohn Frederik übergibt, wird sie noch lauter.

Haralds Antwort ist eindeutig. Er will König bleiben. Sein Eid, macht er deutlich, gilt ein Leben lang.

Vielleicht war sie gerade deshalb so typisch für Harald.

Ein König ohne Krone im Alltag

Harald war kein schillernder Monarch. Er produzierte selten jene Bilder, von denen die britischen Royals leben. Das norwegische Königshaus ist kleiner, leiser, unspektakulärer.

Und genau darin lag ein Teil von Haralds Stärke.

«Der König ist tot, hoch lebe der König»: König Harald ist tot – nun werden Haakon und Mette-Marit das neue Königspaar.

«Der König ist tot, hoch lebe der König»: König Harald ist tot – nun werden Haakon und Mette-Marit das neue Königspaar.

Jens Kalaene/dpa

Harald konnte über sich selbst lachen. Er zeigte Gefühle. Er sprach mit einem trockenen Humor, der zu seinem öffentlichen Markenzeichen wurde. Und er schaffte etwas, das für einen Menschen, der von Geburt an über allen anderen stehen soll, erstaunlich schwierig ist:

Er wirkte nahbar.

Nicht wie ein gewöhnlicher Norweger. Das war er nie. Aber wie jemand, der verstanden hat, dass eine Krone im 21. Jahrhundert allein keine Autorität mehr verleiht.

Respekt muss auch ein König sich verdienen.


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